Semantische Erschließung mittelalterlicher Kartographie. Das Beispiel des Behaim-Globus von 1492

Autor/innen

  • Günther Görz Universität Erlangen-Nürnberg
  • Martin Scholz Universität Erlangen-Nürnberg

Abstract

Behaims „Erdapfel" von 1492 ist der älteste erhaltene Erdglobus. Er ist ein frühes Meisterwerk, das voneiner Reihe früher wissenschaftlicher und technischer Innovationen zeugt. Heute gehört er zu den prominentestenExponaten des Germanischen National-Museums in Nürnberg. Sein Kartenbild ist primär ptolemäisch,es enthält aber auch Elemente der mittelalterlichen Universalkartographie und von Portulanen.Seine umfangreiche und kunstvolle Ausstattung umfasst über 100 Miniaturen und sechzig Fahnen undWappen, mehr als 2000 Ortsnamen und über 50 lange Inschriften. Der Behaim-Globus ist unter den erhaltenenkartographischen Werken nahezu einzigartig dadurch, dass in ihm verschiedene Traditionen derspätmittelalterlichen Kartographie vereinigt sind.Wir berichten über ein laufendes Forschungsprojekt, das eine digitale und eine gedruckte Edition desGlobus zum Ziel hat. Im Jahr 2011 wurden hochaufgelöste digitale Fotografien aufgenommen und einneues 3D-Modell erstellt. Darüber hinaus gibt es eine Datenbank mit digitalisierten analogen Fotos derGlobusoberfläche von 1990 und Schwarzweiß-Fotos von 1940. Auf der Basis dieser Bilddaten wird einumfassender Katalog aller visuell relevanten Stellen einschließlich der zahlreichen Textfelder mithilfe einerin Beschreibungslogik (OWL-DL) formulierten Domänenontologie für die mittelalterliche Kartographie aufgebaut.Bisher wurden fast 3000 Datensätze (Katalogeinträge und Kommentare) erzeugt, die jedoch nochnicht den ganzen Globus abdecken. Diese Datensätze stellen den Kern der geplanten Edition dar. Was diedigitale Seite betrifft, ist es heute weitgehend üblich, generische Begriffe und Eigenschaften für Objekte,Zeit und Raum, Ereignisse, Handlungsträger, Prozesse, etc. in einer sog. Referenzontologie zusammenzufassen,so dass die domänenspezifischen Begriffe aus den allgemeinen abgeleitet werden können. DasConceptual Reference Model (CRM) von CIDOC ist eine solche Referenzontologie; unsere Implementation„Erlangen CRM" stellt eine semantische Basis für die kartographische Domänenontologie bereit.Der Behaim-Globus ist ein herausragendes Beispiel für eine übergreifende georeferentielle Organisationdes zeitgenössischen Wissens, welche eine neue Dimension für die semantische Erschließung eröffnet.Historische Karten sind an erster Stelle kognitive Karten, wofür eine formale qualitative Darstellung von(abstrakten) Regionen und ihren relativen Positionen zueinander, aber auch von Richtung, Orientierungund Entfernung erforderlich ist. Diese können effizient durch spezielle Datentypen für sog. Constraint-Löser repräsentiert werden; ihre Integration in einen allgemeinen logischen Darstellungsrahmen ergibt einSystem für hybrides Schließen zur Bearbeitung komplexer räumlicher Anfragen über dem Stellenkatalogdes Globus.

Autor/innen-Biografien

Günther Görz, Universität Erlangen-Nürnberg

Dipl.-Math. Dr.-Ing. Günther Görz, Professor i.R. für Informatik, Univ. Erlangen-Nürnberg, Leitung
der AG Digital Humanities. Arbeitsschwerpunkte sind Maschinelle Sprachverarbeitung, Angewandte Logik
und Wissensrepräsentation, Digitale Medien und Dokumentation des Kulturerbes, guenther.goerz@fau.de.

Martin Scholz, Universität Erlangen-Nürnberg

Dipl.-Inf. Martin Scholz, Wissenschaftlilcher Mitarbeiter in der AG Digital Humanities und einer der Hauptentwickler
des WissKI-Systems. Arbeitsschwerpunkte sind Konzeptionelle Modellierung / Ontologien, maschinelle
Sprachverarbeitung, semantische Annotation und Semantic-Web-Techniken. martin.scholz@fau.de.

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Veröffentlicht

06.07.2015

Zitationsvorschlag

Görz, G., & Scholz, M. (2015). Semantische Erschließung mittelalterlicher Kartographie. Das Beispiel des Behaim-Globus von 1492. Mitteilungen Der Fränkischen Geographischen Gesellschaft, 60(1), 31–42. Abgerufen von http://fgg-erlangen.de/fgg/ojs/index.php/mfgg/article/view/339

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